30. Januar 2015

Hewlett-Packard Null-Eins: HP-01

HP-01                   (Wikipedia)
Wie »smart« sie schon war, die erste elektronische Uhr mit Zusatzfunktionen? Ein Blick zurück.
   Hewlett-Packard hat 1972 mit dem HP-35 den ersten technisch-wissenschaftlichen Taschenrechner heraus­ge­bracht, eine recht bekannte Tatsache. Weniger bekannt ist die erste »smarte« Uhr, die dann 1977 unter der einzigartigen Nummer HP-01 erschien. Für mich war sie damals un­er­schwing­lich, trotz angebotenem Mitarbeiterrabatt. Außer­dem war sie, wie all diese rotleuchtenden LED-Uhren, absolut unpraktisch: In Ruhe sah man keine Uhrzeit, nichts, wie hier links. Erst ein Knopfdruck mit dem rechten Zeigefinger auf der Uhr am linken Handgelenk ließ sekundenlang die digitale Uhrzeit aufleuchten. Da musste man schon gut freihändig Radfahren können.
   Rechnen war noch mühsamer. Die HP-01 hatte in der Schließe des Metallarmbands einen kleinen Schlüssel stecken, ein Schlüsselchen ohne Bart und nur mit flacher Spitze. Damit konnte man die 24 Zifferntasten und Rechenbefehle drücken. Außerdem gab’s dazu einen Cross-Kugelschreiber mit spe­ziell­em Stift hintendran. Nur vier Tasten waren erhaben, für den Direkt­gebrauch: Datum, Wecker, Speicher und Zeit. Die Stopptaste war halbhoh.
   Natürlich war die Uhr auch einen Wecker und eine Stoppuhr, das aber war nichts Neues für eine Armbanduhr. Das Neue war das Wunder des Elektronenrechners, sprich der Chips, inside. Sechs Chips mit umgerechnet 38.000 Transistoren steckten drin.
   Formeln mit Klammern konnte der HP-01 – wie der HP-35 – noch nicht auflösen, man arbeitete mit »umgekehrt polnischer Notation«. Laienhaft gesagt: Die Dinger hatten keine Istgleich-Taste, dafür aber eine Enter-Taste. Wollte man (13+2)×5 rechnen, so war die Formel erst einmal im Kopf auf 13 enter, 2, plus, 5 mal umzustellen. Technisch-wissenschaftlich halt. Das hatte man ziemlich schnell raus. Für Uneingeweihte wirkte das fehlende = wie heute ein Passwort oder ein Fingersensor: Die HP-01 verschloss sich Uneingeweihten, wie der HP-35 auch.
   Spezialitäten wie Datum-Rechnen, das konnte die HP-01. Sowas soll man sich erst einmal suchen auf einem modernen Smartphone. Man konnte »mit der Zeit rechnen«, sagen wir während eines Telefonats die Spesen hochlaufen sehen. Geht heute nirgends, mein ich, dafür gibt’s ja »Flachraten«. 
   Besonders hervorgehoben wurde der zweihundertjährige Kalender – bei mechanischen Uhren eine beinahe unerreichbare »Komplikation«.
   Und natürlich war die Uhr antimagnetisch – auch dies damals für mechanische Uhren durchaus ein Problem. Immer wenn ich einer »Festplatte« zu nahe gekommen war – die Dinger waren groß wie Waschmaschinen – bleib meine Taschenuhr danach stehen.
HP-01                    (HP-Museum)
   Damals (als der Dollar vielleicht noch vier Mark wert war) kostete eine HP-01  750 Dollar in 14 Karat Gold, in Stahl hundert weniger. Heute legt man für so ein Ding bis zu 15.000 Dollar hin, was bald fast soviel in Euro ist. Einen schönen Bericht  brachte jüngst der Inquirer.
   Die »Klunker« wog 170 Gramm. Leute, die die Uhr abnahmen, gingen erst einmal leicht nach rechts geneigt – so scherzte man, neidisch.

   Links
HP-01 beim HP-Museum, sehr lesenswert
Spezifikationen
Hewlett-Packard über die HP-01: »was not a successful product for HP«
HP Journal Dez. 1977, 10 Seiten über die HP-01
Das elegante Modell mit dem Lederarmband
Fan-Site
Reparaturanleitung
Anzeige oder Artikel im Scientific American Sept. 1977
mit dem Zitat (englisch) von Herbert George Wells aus der »Zeitmaschine«, 1895:
   »Warum nicht«, sagte der Zeitreisende.
   »Weil es gegen die Vernunft ist«, sagte Filby.
   »Welche Vernunft?« fragte der Zeitreisende.

Link zu diesem Eintrag: http://blogabissl.blogspot.com/2015/01/hewlett-packard-null-eins-hp-01.html
Ganz so liefen Sprungdeckeluhren nicht, ich fand das Ding trotzdem schön. Wer ein schönes rotes LED-Digitalplugin findet, möglichst à la HP-01, möge sich bitte melden: Fritz@Joern.De.

26. Januar 2015

Brother Laserdrucker MFC-9500 demontieren

So dick hatte sich Papier um die Ausgangsrolle gewickelt.
Nach dem Entfernen
Mein alter Brother Schwarzweiß-Laser­drucker, Modell Multifunktionscenter (MFC) 9500, arbeitet über ein nachgekauftes Centronix—USB-Kabel einwandfrei an Windows 7 und (vermutlich) auch Windows 8 usw. (Das Kabel gibt’s preiswert und in verschiedenen Längen, z. B. bei Pearl für sieben Euro.)
   Wenn man aber (wie ich) meint, man müsse eine Overheadfolie aus durch­sich­ti­gem Plastik drucken, dann verklebt man sich den Drucker. Dann geht nichts mehr durch, oder Papier wuzelt sich um die Ausgangsrolle herum, etwa so 
   Nun kommt man aber an die tief im Inneren sitzenden, noch dazu eher dünnen Rollen (Ø ca. 1 cm) nicht mehr heran, wenn die schon dicht »verstopft« sind. Brother empfiehlt übrigens nicht, eingeklemmtes Papier rückwärts herauszuziehen, weil das das Getriebe nicht mag. Ich hab’ das trotzdem immer so gemacht – geht ja nicht anders.


Die verschiedenen Deckel und Aufsätze lassen sich alle abnehmen. Brother verwendet dazu typischerweise rechts und links Plastikachsen, die abgeschrägt sind. Dann kann man den Deckel hinterher wieder einfach draufklicken. Diese abgekanteten Achsen, im Bild links, sind ein guter Hinweis dafür, dass das Ding dort abgeht. Ein Hebel mit ovaler Öse umfasst die Achse und kann nach außen gedrückt werden, um sie und sich selbst freizugeben.
   Hier rechts haben Sie das staubig, aber echt im Bild. Die Schräge der Achse ist aus dieser Blickrichtung allerdings nicht zu sehen, dafür desto schöner der zugehörige Haken im Deckel.

Kommen wir zum Öffnen des Unterteils.
   Zunächst muss das Bedienfeld abgehoben werden. Es lässt sich eh schon unten etwas hochklappen, damit man an die Rollen des Faxeinzuges kommt. Weiter auf und schließlich ganz ab geht die Bedieneinheit mit dem oben beschriebenen Trick. 

   Will man sie ganz weglegen können, so muss man nur noch den kleinen Kabelstecker herausziehen. Auch das Wiedereinstecken hinterher macht keine Mühe. Falsch herum geht nicht. Notfalls sehe man sich an, wo die Kontaktreihe sitzt, nämlich eher außen als mittig.
   Weiter geht’s. Man muss noch »eine Etage tiefer« schürfen.
   Hier sehen Sie den Anblick von links vorne. Das Dunkle ist der Schacht für die entnommene Lasereinheit. Rechts grün herausragend ist der verwaiste Anschluss an die Bedieneinheit von vorhin.
   Und links, etwa da wo bei mir der kleine graue Reparaturaufkleber ist, ist eine Klappe. 

   Die Klappe muss man herausnehmen, damit unten mehr demontiert werden kann, denn die Klappe hat einen langen Stiel, der nach vorne ragt und das weitere Öffnen blockiert. Die Klappe geht, wenn erst einmal hindernde Schrauben geöffnet und eventuelle Siegel gebrochen sind, durch Schieben von unten auf, eventuell schonend mit dem Schraubenzieher hochdrücken.
   Der nächste »Deckel« geht mit einer Schraube links ab. Unten »hänft« dieser Deckel und muss sanft nach außen gehebelt werden, damit er aufgeht; ziemlich weit vorne unten. Danach ein schwarzes Plastik-Schutzschild (»Isolierabdeckung«) herausziehen. 
   Als nächstes sieht man schwarz. Vor einem liegt die kleine gekapselte Transport- und Brenneinheit (»1.10 Fixiereinheit, Heizlampe und Hebel des Papierauswurfsensors«, Service-Handbuch SAeite IV-15). Eine Schraube links, und man kann sie herausheben. Aber Achtung: Sie hat drei Anschlüsse; unten rechts und links zwei Kabelschuhverbindungen (je eine Leitung) und vorne in der Mitte einen (vermutlich) Temperaturfühler, der mit einer Schraube festgemacht ist – fummelig, aber auch kein Problem. Man sollte halt die Schraube nicht in den Tiefen des Druckers verlieren.

Jetzt endlich hat man die schmale Druckendeeinheit in Händen. Doch die muss man zuletzt noch aufbekommen, damit man an die Rollen drankann.  
   Dafür hat das Zweischalengehäuse rechts und links (im Bild) je eine Schraube und daneben je einen Widerhaken, den man seitlich wegdrücken muss – hier links in geheimnisvollem Dunkel.
 
Rechts das Ergebnis, allerdings bereits geputzt und gereinigt vor dem Wiederzusammenbau. Die beiden zuständigen Rollen, angetrieben die schwarze oben, (vermutlich) beheizt unten die Rote – nein, die Heizrolle ist die schwarze oben.
   Hat man alles wieder mühsam zusammengebaut, geht’s auch wieder mit dem Drucker.


Noch etwas: Weil das Multifunktionscenter gut Faxen kann, war’s bei mir am Telefon angeschlossen (hinten ganz linke Buchse, von hinten gesehen, »Line«). Nach dem Ausstecken funktionierte mein Festnetztelefon nicht mehr. Ich musste vorne am anderen Ende des Telefonkabels den TAE-Stecker ausstecken, damit dann auch bei abgestecktem Drucker das Telefon ging.
 

Das war’s mit Brother Laserdrucker MFC-9500 reparieren, Brother Laserdrucker MFC-9500 fixen.

Ein Handbuch (Benutzer-Handbuch, Benutzerhandbuch, Manual) habe ich, sogar als PDF*), und ein »Service-Handbuch für Laserfax MFC-9500, Fax-8000P«, das allerdings nur auf Papier und nicht maschinenlesbar. Ein englisches »Facsimile Equipment Servide Manual, Model: FAX3550/3650/8000P/8200P, MFC4450/4550/4550plus, MFC6550MC/7550MC/7650MC, MFC9000/9500«*). Dann gibt’s noch ein »Inbetriebnahme-Handbuch für Fax, Drucker und Kopiergerät« und zehn Disketten Software. – *) Dank dem hervorragenden Service von Brother, support@de.brother.eu.
   Geschichte meines Druckers: Erstlieferung 1997; Ersatzlieferung 4. 6. 1999 Artikel-Nr. 910177 816FAX8000 SHB-Fax-8000P/MFC-9500 D; Reparatur 30. 10. 2004.
Mein ursprünglicher Artikel: 2. 9. 1997 Einer für alles. Brother MFC-9500.

Link hierher: http://blogabissl.blogspot.com/2015/01/brother-laserdrucker-mfv-9500.html

15. Januar 2015

Neil MacGregor’s Germany

It’s a thick, heavy book,
   »Germany, Memories of a Nation«,
ISBN 979-0-241-00833-1, 2014,
by the Director of the British Nuseum, Neil MacGregor: 598 pages.
   To me as German (and Austrian) it gives an outside view of Deutschland, quite unexpected. My historic knowledge is extremely weak, I have never been interested, especially as we got served histrory at school in unconnected pieces.

First MacGregor shows that German history is different to all other nations’. It’s full of traumas. No lasting heroic achievements can be promoted, as by other nations. In fact German pride ends with Fußballweltmeisterschaft and Mercedes, to say it rudely. By the time the term Holocaust became used, »since the mid-1970s« (Wikipedia), and in Germany in the 1980s, we have to see it as an unique crime to burden all Germans forever. I won’t discuss this moral burden – to me each single life, and even more each death is unique, always and for all times. The view of an unforgivable, uncomparable crime has been turned against the Jews themselves more than thousand years aftter the »crime« of crucifying Jesus. Enough.
 
East German police checking West Berlin residents
returning from East to West Berlin on August 13, 1961.
(Lloyd, Heinkel, ?Source Wikipedia resp. Bundesarchiv

In the first chapter, »The view from the [Brandenburg] Gate«, MacGregor reports (on page 15): »On 14 August 1961, one day after the building of the Wall began, West Berliners gathered on the other side of the Gate to protest against the erection of the Wall and the division of their city. Using these demon­stra­tions as a pretext, the East German authorities closed the check­point there ›until further notice‹«.
   At that time in 1961 I worked for AEG in West Berlin, living in a student home in the Wedding, Triftstraße 67. I was 19 years old. The demon­stration at Rathaus Schöne­berg – not in front of the Bran­den­burg Gate – took place on Wednesday, August 16*) – the only demon­stration I ever participated; we went as group by AEG. Willy Brandt spoke (speech, sound).
   I also remember crossing the Brandenburg Gate for some more days after August 13 by bike, right through the gate.
   Now to the picture here. The original, very official caption of the East Berlin black-and-white photo here says: »Sicherung der Staatsgrenze am 13.8.1961. Zahlreiche Westberliner Bürger ließen sich durch die Frontstadtpropaganda nicht von einem Besuch der DDR-Hauptstadt Berlin abhalten und passierten am 13.8. die für den Übergang eingerichteten Kontrollstellen. Nach der Kontrolle am Brandenburger Tor (unser Foto) kehren die Besucher nach Westberlin zurück.« Securing the State Border on August 13, 1961. Numerous West Berliners were not kept by the front city’s popaganda [West Berlin, as seen by the east, official western name was: »Berlin (West)«] from visiting the capital of the GDR [as such at that time not acknowledged by the western allies, still seen as »sector«] and passed trough the checkpoints provided. After having been checked at Brandenburg Gate (our picture) the visitors returned to West Berlin. 
Berlin 1961. Sniplet, source
   As Austrian I could visit East Berlin any time before and after the Wall. When the checkpoint Brandenburg Gate was closed, I had to use the transit point at Kochstraße. Before the S-shaped heavy concrete barriers for cars, and the border control barracks were constructed at this Check­point Charlie (a name propagated later), we few passengers – West Berliners were already banned from East Berlin – had to apply for a permit around the corner in a house not visible from the West, marked blue in the 1961 city plan sniplet at right.
   I still use the bicycle.
  
In chapter two, »Divided Heaven«, quoting a book’s title by Christa Wolf, MacGregor writes (on page 28) about the Tränenpalast. He dramatizes its complexity, and quotes Sabine Benecke of the German Historical Museum: »As you moved from the train to the exit, you kept having to change direction and change level.« This was the fact, but had been so since many years, as the subway (U-Bahn) ran below ground, the regular trains (»Fernzüge«) at mid level, and the S-Bahn was elevated. The special border control barack for pedestrians, the »palace of tears«, was built later, as again Wikipedia explains. The complexity of the station was not made by GDR, nor intentional.
   I have been at Friedrichstraße very often. Either I passed it in summer of 1961 on my way with U6 from the Wedding to Hallesches Tor, or for a change to the S-Bahn there. Use of the S-Bahn, however, was seen as politically incorrect, as it was owned by the East (and thus extremely cheap). After August 13 U trains stopped habitually at the otherwise inaccessible stations in East Berlin (like Walter-Ulbricht-Stadion – today Schwartzkopffstraße, Nordbahnhof – today Naturkundemuseum, Oranienburger Tor, Franzöische Straße and Stadtmitte), and at Friedrichstraße. Lateron they just drove trough, allowing exit only at Friedrichstraße for the East German control point and to switch trains to S-Bahn.
*) Read an 2011 article by Egon Bahr (then secretary to Berlin’s major Willy Brandt) in the Welt (with many pictures).

In chapter three, »Lost capitals«, MacGregor lovingly writes about Königsberg, Prag and even Straßburg. Königsberg, where my father was born, Prag and Brünn, where I was born, are gone forever. Straßburg and Bozen, where I went to school, now are in France and Italy respectively.
   At least South Tyrol, with Bozen as capital, retained German as second official language, thanks to bordering Austria. Today it’s an example of a multiethnical state. I feel at home there. 

(Details links ←. Zum Vergrößern anklicken.)
Chapter four, »Floating City«, speaks of the Rhine, »Altvater Rhein« (old father Rhine), specifically about Straßburg ending up in France.
  
Flugblatt zur Befreiung Straßburgs, 1871.
(Flugblatt 34.)
Vor dem Kriege: „Vive l’ empereur!“ 
Nach dem Kriege: „Es lebe der Kaiser!“ 
Fühl’ in des Thrones Glanz 
Die hohe Wonne ganz, 
Liebling des Volks zu sein! 
Heil König dir! 
Vaterland – Wacht am Rhein 
Der freie deutsche Rhein
STRASSBURG COELN
So lang sich hohe Dome in • einem • Spiegel sehn

Wir wollen sein ein Volk von Brüdern. In keiner Noth uns trennen, noch Gefahr.
Deutschland’s Einheit 
(Zeichner) Matthis, (Drucker) J. Loewenstein & Co. Elberfeld«, Quelle 

In chapter five, »Fragments of power«, the well-known Kleinstaaterei of historic Germany is shown by coins. MacGregor sees it positively, »the Holy Roman Empire as the triumph of creative fragmentation.«

Which brings us to Part Two of the book, »Imagining Germany«.
   Luther, the Brothers Grimm, together with a forest full of oak trees, that’s what made up Germany.
 
Deutsche Kurrentschrift,
aus der Wkipedia
Goethe’s handwriting – I found it even more interesting than the content of his speech on October 14, 1771,
Zum Schäkespears Tag, 
nb without hyphen. It’s on page 137 of Neil MacGregor’s book. Even for someone (barely) able to read »Deutsche Kurrentschrift« – used in Germany more or less until 1941 – Goethe is hard to decipher. But let’s continue in German.
   Goethe hat das besonders schön geschrieben. Heute wäre es vermutlich ein Handout zur Rede gewesen, gedruckt in Arial, »es gilt das gesprochene Wort« …
   Ich will mal versuchen, Seite eins dieses historischen Manuskripts vom zweiundzwanzigjährigen Goethe möglichst lesbar, elektronisch sozusagen entgilbt, wiederzugeben, dazu den vollen Text, dankenswerterweise von Wikisource gelesen.

Goethe-Manuskript vom 14. Oktober 1771 »Zum Schäkespears Tag.« (klickbar)


Zum Schäkespears Tag.
Mir kommt vor, das sey die edelste von unsern Empfindungen, die Hoffnung, auch dann zu bleiben, wenn das Schicksaal uns zur allgemeinen Nonexistenz zurückgeführt zu haben scheint. Dieses Leben, meine Herren, ist für unsre Seele viel zu kurz, Zeuge, dass ieder Mensch, der geringste wie der höchste, der unfähigste wie der würdigste, eher alles müd wird, als zu leben; und dass keiner sein Ziel erreicht, wornach er so sehnlich ausging – denn wenn es einem auf seinem Gange auch noch so lang glückt, fällt er doch endlich, und offt im Angesicht des gehofften Zwecks, in eine Grube, die ihm, Gott weis wer, gegraben hat, und wird für nichts gerechnet.
Für nichts gerechnet! Ich! Da ich mir alles binn, da ich alles nur durch mich kenne! So ruft ieder, der sich fühlt, und macht grosse Schritte durch dieses Leben, eine Bereitung für den unendlichen Weeg drüben. Freylich ieder nach seinem Maas. Macht der eine mit dem stärcksten Wandertrab sich auf,
[bis dahin Seite 1]
so hat der andre siebenmeilen Stiefel an, überschreitet ihn, und zwey Schritte des letzten bezeichnen die Tagreise des ersten. Dem sey wie ihm wolle, dieser embsige Wandrer bleibt unser Freund und unser Geselle, wenn wir die gigantischen Schritte ienes, anstaunen und ehren, seinen Fustapfen folgen, seine Schritte mit den unsrigen abmessen.
Auf die Reise, meine Herren! die Betrachtung so eines einzigen Tapfs, macht unsre Seele feuriger und grösser, als das Angaffen eines tausendfüsigen königlichen Einzugs.
Wir ehren heute das Andencken des grössten Wandrers und thun uns dadurch selbst eine Ehre an. Von Verdiensten die wir zu schätzen wissen, haben wir den Keim in uns.
Erwarten Sie nicht, das ich viel und ordentlich schreibe, Ruhe der Seele ist kein Festtagskleid; und noch zur Zeit habe ich wenig über Shakespearen gedacht; geahndet, empfunden wenns hoch kam, ist das höchste wohin ich’s habe bringen können. Die erste Seite die ich in ihm las, machte mich auf Zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein blindgebohrner, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenckt. Ich erkannte, ich fühlte auf’s lebhaffteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert, alles war mir neu unbekannt, und das ungewohnte Licht machte mir Augenschmerzen. Nach und nach lernt ich sehen, und, danck sey meinem erkenntlichen Genius, ich fühle noch immer lebhafft was ich gewonnen habe.
Ich zweifelte keinen Augenblick dem regelmäsigen Theater zu entsagen. Es schien mir die Einheit des Orts so kerckermäsig ängstlich, die Einheiten der Handlung und der Zeit lästige Fesseln unsrer Einbildungskrafft. Ich sprang in die freye Lufft, und fühlte erst dass ich Hände und Füsse hatte. Und ietzo da ich sahe, wieviel Unrecht mir die Herrn der Regeln in ihrem Loch angethan haben, wie viel freye Seelen noch drinne sich krümmen, so wäre mir mein Herz geborsten, wenn ich ihnen nicht Fehde angekündigt hätte, und nicht täglich suchte ihre Türne zusammen zu schlagen.
Das griechische Theater, das die Franzosen zum Muster nahmen, war, nach innrer und äuserer Beschaffenheit, so, dass eher ein Marquis den Alcibiades nachahmen könnte, als es Corneillen dem Sophokles zu folgen möglich wär.
Erst Intermezzo des Gottesdiensts, dann feyerlich politisch, zeigte das Trauerspiel einzelne grose Handlungen der Väter, dem Volck, mit der reinen Einfalt der Vollkommenheit, erregte ganze grose Empfindungen in den Seelen, denn es war selbst ganz, und gros.
Und in was für Seelen!
Griechischen! Ich kann mich nicht erklären was das heisst, aber ich fühls, und berufe mich der Kürze halber auf Homer und Sophokles und Theokrit, die habens mich fühlen gelehrt.
Nun sag ich geschwind hinten drein: Französgen, was willst du mit der griechischen Rüstung, sie ist dir zu gros und zu schweer.
Drum sind auch alle Französche Trauerspiele Parodien von sich selbst.
Wie das so regelmäsig zugeht, und dass sie einander ähnlich sind wie Schue, und auch langweilig mit unter, besonders in genere im vierten Ackt das wissen die Herren leider aus der Erfahrung und ich sage nichts davon.
Wer eigentlich zuerst drauf gekommen ist die Haupt und Staatsaktionen auf’s Theater zu bringen weiss ich nicht, es giebt Gelegenheit für den Liebhaber zu einer kritischen Abhandlung. Ob Shakespearen die Ehre der Erfindung gehört, zweifl’ ich: genung, er brachte diese Art auf den Grad, der noch immer der höchste geschienen hat, da so wenig Augen hinauf reichen, und also schweer zu hoffen ist, einer könne ihn übersehen, oder gar übersteigen.
Shakespeare, mein Freund, wenn du noch unter uns wärest ich könnte nirgend leben als mit dir, wie gern wollt ich die Nebenrolle eines Pylades spielen, wenn du Orest wärst, lieber als die geehrwürdigte Person eines Oberpriesters im Tempel zu Delphos.
Ich will abbrechen, meine Herren, und morgen weiter schreiben, denn ich binn in einem Ton, der Ihnen vielleicht nicht so erbaulich ist als er mir von Herzen geht.
Shakespears Theater ist ein schöner Raritäten Kasten, in dem die Geschichte der Welt vor unsern Augen an dem unsichtbaaren Faden der Zeit vorbeywallt. Seine Plane sind, nach dem gemeinen Styl zu reden, keine Plane, aber seine Stücke, drehen sich alle um den geheimen Punckt, |: den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat :| in dem das Eigenthümliche unsres Ich’s, die prätendirte Freyheit unsres Willens, mit dem nothwendigen Gang des Ganzen zusammenstösst. Unser verdorbner Geschmack aber, umnebelt dergestalt unsere Augen, dass wir fast eine neue Schöpfung nötig haben, uns aus dieser Finsternis zu entwickeln.
Alle Franzosen und angesteckte Deutsche, sogar Wieland haben sich bey dieser Gelegenheit, wie bey mehreren wenig Ehre gemacht. Voltaire der von ieher Profession machte, alle Maiestäten zu lästern, hat sich auch hier, als ein ächter Tersit bewiesen. Wäre ich Ulysses; er sollte seinen Rücken unter meinem Scepter verzerren.
Die meisten von diesen Herren, stosen auch besonders an seinen Carackteren an.
Und ich rufe Natur! Natur! nichts so Natur als Shakespeares Menschen.
Da hab ich sie alle überm Hals.
Lasst mir Lufft dass ich reden kann!
Er wetteiferte mit dem Prometheus, bildete ihm Zug vor Zug seine Menschen nach, nur in Colossalischer Grösse; darinn liegts dass wir unsre Brüder verkennen; und dann belebte er sie alle mit dem Hauch seines Geistes, er redet aus allen, und man erkennt ihre Verwandtschafft.
Und was will sich unser Jahrhundert unterstehen von Natur zu urteilen? Wo sollten wir sie her kennen, die wir von Jugend auf alles geschnürt und geziert an uns fühlen, und an andern sehen. Ich schäme mich offt vor Shakespearen, denn es kommt manchmal vor, dass ich beym ersten Blick dencke, das hätt ich anders gemacht! Hinten drein erkenn ich dass ich ein armer Sünder binn, dass aus Shakespearen die Natur weissagt, und dass meine Menschen Seifenblasen sind von Romanengrillen aufgetrieben.
Und nun zum Schluss, ob ich gleich noch nicht angefangen habe.
Das was edle Philosophen von der Welt gesagt haben, gilt auch von Shakespearen, das was wir bös nennen, ist nur die andre Seite vom Guten, die so nothwendig zu seiner Existenz, und in das Ganze gehört, als Zona torrida brennen, und Lapland einfrieren muss, dass es einen gemäsigten Himmelsstrich gebe. Er führt uns durch die ganze Welt, aber wir verzärtelte unerfahrne Menschen schreien bey ieder fremden Heuschrecke die uns begegnet: Herr, er will uns fressen.
Auf, meine Herren! trompeten Sie mir alle edle Seelen, aus dem Elysium, des sogenanndten guten Geschmacks, wo sie schlaftruncken, in langweiliger Dämmerung halb sind, halb nicht sind, Leidenschafften im Herzen und kein Marck in den Knochen haben, und weil sie nicht müde genug zu ruhen und doch zu faul sind um tähtig zu seyn, ihr Schatten Leben zwischen Myrten und Lorbeergebüschen verschlendern und vergähnen.

Soweit Original-Goethe, aus einer Zeit noch ganz ohne »Damen« zu den »meine Herren«! Wer will, kann sich nun üben im Lesen, kann die Orthographie bestaunen – in der das »dass« wie heute steht, »Maß« aber als »Maas« bezw. »Maaſ«. Siehe auch z. B. http://blogabissl.blogspot.com/2015/01/mild-auf-neue-rechtschreibung-andern.html
   Zum Inhaltlichen und zur Bedeutung schreibt wiederum die Wikipedia hier: »Zum Schäkespears Tag ist eine Rede von Johann Wolfgang von Goethe, die er am 14. Oktober 1771 anlässlich des Shakespeare-Tages in Frankfurt am Main in seinem Elternhaus vortrug; darin ehrt er den englischen Lyriker und Dramatiker William Shakespeare für sein Schaffen und drückt seine ganz persönliche Beziehung zu ihm aus. Sie gilt neben Herders Programmschrift Shakespear als wichtiges Dokument der Shakespeare-Begeisterung der Sturm-und-Drang-Zeit. Sie wurde zuerst 1854 aufgrund einer wahrscheinlich originalen Abschrift von Goethe abgedruckt in der Allgemeinen Monatsschrift für Wissenschaft und Literatur in Braunschweig.«

PS. Hab’ tags darauf doch die Rede ganz gelesen, und, pardon, mit dem gelben Marker. Shakespeare: »Wo im Ich die ›prätendierte‹ [d. h. angebliche] Freiheit unseres Willens mit dem notwendigen Gang des Ganzen zusammenstößt.« Das ist spannend.

Permalink http://blogabissl.blogspot.com/2015/01/neil-macgregors-germany.html
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