22. März 2009

GPSed Track "Oberpleis"


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8. März 2009

… pro multis … – für viele, so stand das fast zweitausend Jahre lang bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil noch fest, fest verankert in der lateinischen Messe, in Latein, damals der einzig gültigen Sprache der Kirche. Es geht um die Wandlung des Weines: Hic est enim Calix Sánguinis mei, novi et ætérni testaménti: mystérium fídei: qui pro vobis et pro multis effundétur in remissiónem peccatórum. Mein Schott hat das rechts (auf Seite 405) noch richtig übersetzt: »Das ist der Kelch Meines Blutes, des neuen und ewigen Bundes – Geheimnis des Glaubens –, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.«

Daraus ist dann – ohne Geheimnis – geworden: »Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden.« Auf einmal sind es nicht bloß viele, sondern alle, für die Jesu Blut vergossen wird. Alle kommen in den Himmel, Hölle und Fegefeuer sind geschlossen, Gott hat uns alle lieb, ganz gleich, ob wir an ihn glauben oder nicht. Ist das der Tenor? Jedenfalls schreibt die Wikipedia unter dem Stichwort Konsekration, dass entsprechend einem Schreiben vom 17. Oktober 2006, Protokollnummer 467/05/L, von Francis Kardinal Arinze, dem Vorsitzenden der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, an die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen der Welt, pro multis gefälligst wieder mit »für viele« übersetzt werden soll. Es wurde den Bischofskonferenzen ein Zeitraum von zwei Jahren eingeräumt, die Gläubigen auf die (erneute) Übersetzungsänderung vorzubereiten.

Es schließt sich eine eifrige theologische Diskussion an. Erstens wird argumentiert, dass es am Gründonnerstag vor diesen Wandlungsworten heißt (Schott Seite 306): Qui prídie, quam pro nostra omniúmque salúte paterétur, hoc est hódie, accépit panem, etc. (pag. 405) – »Er nahm am Abend, bevor Er für unser und aller Heil litt, das ist heute, Brot usw. (S. 405).« Hier leidet Jesus für alle. Wie man sieht, folgen dann aber dieselben Wandlungsworte, in denen es (vielleicht?) um mehr als Christi Leiden geht, um die Vergebung der Sünden. Als Zweites liest man in der Bitte des Vatikans, ad multis doch richtig zu übersetzen, wörtlich: »In der Tat würde die Formel ›für alle‹ zweifellos einer richtigen Interpretation der Intention des Herrn entsprechen, die in diesem Text zum Ausdruck kommt. Es ist ein Glaubensdogma, dass Christus für alle Menschen am Kreuz gestorben ist (Joh 11, 52; 2 Kor 5, 14-15; Titus 2, 11; 1 Joh 2, 2).« Warum also nicht bei allen bleiben, zumal Rom in den Siebziger Jahren alle abgesegnet haben soll? Die Hölle scheint doch nicht abgeschafft worden zu sein. Ach was, ich schreibe das doch nur laienhaft-polemisch. Ich mag’s halt präzise, nicht politisch korrekt. Viel seriösere Argumente findet man beispielsweise von Helmut Hoping.

Wer mag, kann noch mehr zum Thema peri/hyper pollon googeln (περί, peri = wegen; ὑπέρ, hyper = für; πολλόν, pollôn = viele). So berichtet ein Pater Wildfeuer: »Als dagegen bei der deutschprachigen Bischofskonferenz in Salzburg 1974 der Erzbischof von Paderborn, Degenhardt, den Antrag stellte, die Worte für alle bei der heiligen Wandlung durch die ursprünglichen für viele zu ersetzen, lehnte die Mehrheit den Antrag mit dem Bemerken ab, man könne nicht schon wieder etwas ändern.« Über das griechische Original schreibt er: »Der Befund ist eindeutig, eindeutiger könnte er gar nicht sein, und zwar auch bei allen Varianten: für viele – und zwar ohne Artikel: Mt 26,28: perí pollón und Mk 14,24: hypér pollón. Bei Lk wird nur das für euch erwähnt (22,20); Joh berichtet die Einsetzung der Eucharistie nicht und Paulus sagt in 1Kor 11,25 nur lapidar: ›Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blute.‹ Andere Stellen gibt es dazu im NT nicht.« Weiter unten geht es dann doch wieder um (oder in) die Hölle: »Christus stirbt jedoch nicht für alle, sondern nur für viele in dem Sinn, dass nicht allen tatsächlich die Sünden vergeben werden. Nicht alle erlangen effektiv das Heil. Zu Christi größtem Schmerz gibt es Menschen, an deren Seele sein Opfertod nicht wirksam wird (eingeschränkte Heilswirksamkeit). ›Denn weit ist das Tor und breit der Weg, der ins Verderben führt, und gar viele kommen dadurch hinein‹ (Mt 7,13). (Ob es wohl einen modernen Exegeten gibt, der hier viele mit alle wiedergäbe?)«

Was meint wohl Papst Benedikt? Ich weiß es nicht, fand aber eine Fronleichnamspredigt vom 7. Juni 2007 zur Eucharistie: «Nel brano evangelico poc’anzi proclamato san Luca, narrandoci il miracolo della moltiplicazione dei cinque pani e due pesci con cui Gesù sfamò la folla ‹in una zona deserta›, conclude dicendo: ‹Tutti ne mangiarono e si saziarono› (cfr Lc 9,11b–17). Vorrei in primo luogo sottolineare questo ‹tutti›. E’ infatti desiderio del Signore che ogni essere umano si nutra dell’Eucaristia, perché l’Eucaristia è per tutti. Se nel Giovedì Santo viene posto in evidenza lo stretto rapporto che esiste tra l’Ultima Cena e il mistero della morte di Gesù in croce, quest’oggi, festa del Corpus Domini, con la processione e l’adorazione corale dell’Eucaristia si richiama l’attenzione sul fatto che Cristo si è immolato per l’intera umanità.» – »Es ist in der Tat der Wunsch des Herren, dass sich jedes menschliche Wesen von der Eucharistie nähre, denn die Eucharistie ist für alle.« (Offizielle Übersetzung siehe 5. Abschnitt seiner Predigt)

Soviel zum Thema »Wir basteln uns einen Messetext«.

Weitere mehr oder weniger christliche Gedanken von mir:
Blog vom 15. 2. 9 über Clemens Pickel, den Bischof von Saratow, 6.2.9 über Richard Williamson und 3.2.9 über das Übel im Vaterunser
Zur Namen-Jesu-Kirche in Bonn, 27.12.8
Gedanken zu billig und heilsam und zu Gott, der mich erfreut von Jugend an.
Wie der Scheffel in den Eimer gekommen ist.

Im Übrigen ist die nachkonziliäre lateinische Messe nicht erst durch Papst Benedikt wieder erlaubt worden. Schon Johannes Paul II. bat die Bischöfe in seinem Motu Proprio Ecclesia Dei (5c, zweiter Absatz) 1988, den Gläubigen, »die sich der Tradition der lateinischen Liturgie verbunden fühlen«, großzügig die alte Form der Meßfeier zu ermöglichen – in Bonn jede zweite Woche, ebenso in der Petrusbrüderschaft – nicht zu verwechseln mit der vieldiskutierten Piusbrüderschaft, von der sie sich getrennt hat. Hier ein Artikel der Welt vom 22. 9. 2008. Mehr in der Wikipedia und bei Pro Missa Tridentina.

PS. Erst am 25. Mai 2012  hat Papst Benedikt XVI. die deutschen Bischöfe wieder dazu aufgefordert, »für viele« zu sagen.
Deutscher Bericht von Radio Vatikan, aufgeregte Online-Kommentare, hier
Papstbrief, m. E. wieder sehr beeindruckend, hier
Diesmal großes Presseecho.

Inzwischen steht pro multis im neuen Gotteslob, siehe
http://blogabissl.blogspot.com/2014/02/promultis.html

 S. a. http://www.kath-info.de/dbk.html

Lik hierher:
http://blogabissl.blogspot.com/2009/03/pro-multis-fur-viele-so-stand-das-fast.html

1. März 2009

Die Freiheit bedroht sieht Reiner Kunze durch die Ignoranz der Politiker. Er meint mehr als nur Ignoranz, und er meint mehr als Freiheit: Die Demokratie ist gefährdet. »Es kommt nicht darauf an, den Freiheitsgedanken attraktiver zu machen, sondern es käme – ich bediene mich bewußt des Konjunktivs – darauf an, in der freiheitlichen Demokratie so zu leben und, was das politische, ökonomische und im weitesten Sinne intellektuelle Establishment betrifft, die Demokratie so vorzuleben, daß die Bürger auf den Gedanken kommen, es gibt im Zusammenleben der Menschen Gleichwertiges, aber nichts Wertvolleres als die Freiheit.« – der Mann spricht mir (bissl kompliziert) aus der Seele. Dass er seine Politikerschelte an der Rechtschreibreform festmacht – der Artikel in der Welt am Sonntag vom 1. März 2009 heißt »Was die Rechtschreibreform mit der Freiheit zu tun hat« – finde ich persönlich natürlich weniger überzeugend, aber das macht nichts. Jeder von uns stößt sich anderswo an diesem Staat, der ihn ignoriert, gegen die Wand laufen lässt. Bei Reiner Kunze war es vielleicht die anscheinend undemokratisch durchgezogene Rechtschreibreform – und wenn das Volk das Gefühl hat, es sei bei einem Entschluss undemokratisch zugegangen, so war er undemokratisch! –, bei einem anderen ist es die übertriebene Besteuerung, bei wieder einem anderen die ungerechte Verteilung oder offensichtliche Geldverschwendung oder Vernachlässigung öffentlichen Gutes. Immer stehen wir dann nicht mehr hinter der Demokratie sondern wünschen uns einen vermeintlich starken Staat, der das dann anders gerichtet hätte, richtet, oder richten soll. Freiheit, Demokratie, die müssen notfalls weichen – so wird aus Demokratieverdruss argumentiert.

Ich meine nur, dass es nicht mangelnde menschliche Qualitäten von Politikern sind – Kunze spricht von »Machtarroganz« –, sondern der Filz des Systems, die Lobbykratie, die vielen Regierungsschichten (Gemeinde, Kreis, Land, Staat, Europa, …) durch die keiner von ihnen durchsteigt. Die Vorstellung, der Staat müsse besser, moralischer, vorsorglicher usw. sein als irgendwer sonst, stammt aus einer Staatsvorstellung, die vielleicht unbewusst von Kunze erfahren wurde, die aber auch bei reinen »Westlern« grassiert. Naiv. Die Freiheit ist ja gerade deshalb nötig, weil der Staat nicht besser, ordentlicher, väterlicher usw. ist. Ein System, das gute Politiker braucht, ist schon verurteilt – zu Unfreiheit.

Sehr gefallen haben mir Kunzes belegte kleine Beispiele von DDR-Willkür, nachzulesen in seinem »Gespräch über die [Reiner-und-Elisabeth-Kunze-]Stiftung«.

Wie gerne hätte ich noch ein Bild der Papiertüte aus Westberlin, auf der der Slogan »Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch« mit einer stilisierten Deutschlandkarte mit viel Grün und ein paar blauen Strichen illustriert war. Wegen dieser Tüte – das erfuhren wir aber erst ganz am Ende! – wurden meine Freundin und ich beim Betreten der Hauptstadt der DDR getrennt hochnotpeinlich eine halbe Stunde lang verhört. Der Zeichner hatte rechts eine blaue Linie zu viel gezogen: die Oder. Ohne dem Gewässer irgendeinen Namen gegeben zu haben signalisierte die Tüte damit einen gesamtdeutschen Anspruch, wurde nach den Verhören eingezogen und uns kostenlos durch eine neutrale ersetzt.