30. April 2008

Auf der Suche nach dem langen S. Auf der Hundertfünfzigjahrfeier der Münsterschule war mir wieder einmal der historisierende Gebrauch von Frakturschrift aufgefallen. Selbst Sütterlin wurde als Schreibschrift hundert Jahre alt gemacht. Sütterlin gab es in Preußen erst ab 1915. Davor schrieb man feine deutsche Kurrent, präzise mit aufsteigenden Haar- und wieder hinunterführenden Fettstrichen, auf und ab (»Schwellzug«). Ich will hier ein freundlicherweise in der Schule ausgestelltes Muster aus dem Jahr 1910 zeigen. Sütterlin, breit und mit gleichbleibend runder Redisfeder zu schreiben, sah dagegen fett und ulkig aus wie eine Bauernmagd. Sie hielt sich nicht lange.

Zurück zur Fraktur. Die Leute greifen zur einzigen Fraktur, die in PCs mit der üblichen Microsoft-Software mitgeliefert wird, einer sogenannten »Old English Text MT«. Ich finde sie ziemlich grauslig, vor allem, wenn man schöne deutsche Frakturen kennt, selbst ganz normalen Buchdruck. Aber bitte. Zur Not schmückt auch altes Englisch.

Außerdem fehlt den modernen Schreibern – ohnehin schon kämpfend mit angeblich »neuer« Rechtschreibung – jede Ahnung vom langen S. Der »Old English Text MT« – MT steht für Monotype – fehlt es auch. Einen Frakturliebhaber stört das ganz ungemein.

Also habe ich mich aufgemacht auf der Suche nach dem langen S. In neuen weltweiten Zeichensatz Modell »Unicode« gibt es das lange S seit Jahren, auf Hexadezimalposition 017F. Viele Schriften, die es gar nicht brauchen, etwa die gängige »Arial« (Helvetica) und die »Times New Roman«, können es sogar darstellen, bittesehr: ſ (HTML: ſ). Die einzige Schrift, die es wirklich bräuchte, Fraktur, die hat es nicht, jedenfalls nicht in Standard-PCs. Also mailte ich den bald gefundenen Inhabern der Schrift nach England, ich hätte doch gerne das lange S in ihrer Old English Text – wohl wissend, dass alle speziell herunterladbaren Frakturen natürlich ein langes S haben. But that’s not the point, würde ich den Briten schreiben.

Die Antwort kam prompt. Ja, sie seien die Rechteinhaber der Old English, und ich könne die Schrift in ihrer vollen Ausprägung gerne kaufen. Ein Link führte zur Darstellung der Typen und zum Preis von siebenundzwanzig Euro. Was dort freilich fehlte: das lange S.

In meiner insistierenden Antwort wollte ich nun glaubhaft machen, dass das lange S keine Marotte des Fritz Jörn ist, sondern seit uralten Zeiten vorkommt. Also machte ich mich auf die Suche nach diesem langen S. Und wo sucht man heute? Im Internet. Soll’s autoritativ sein, in der englischen Wikipedia. Praktisch, dass man erst einmal deutsch suchen kann, und dann einfach links die Sprache wechselt. Richtig fand ich dort ein Foto aus einer Bibel aus dem Jahr 1497, in Straßburg gedruckt, natürlich mit Unmengen langer S. Unter uns: In Fraktur ist das lange S das normale; das schmückende, breite, runde, schlangenförmige kleine S kommt nur am Ende eines Wortes vor. Die Bibel war, comme il faut, latein. Nur: Was war da so beispielhaft aufgezeichnet und abgeschrieben? Geschrieben wurde damals noch von Hand, und selbst beim Buchdruck hat man Platz gespart und Buchstaben abgekürzt. Nicht nur das lange S ist sparsam in Platz und Aufwand. Ein rundes R – ebenfalls der Kleinbuchstabe – erfüllt eine ähnliche Funktion, und ist heute selbst bei alten Frakturfreunden ziemlich unbekannt. Weitere Abkürzungen kenne ich nicht. Wer mag, kann sich ja einlesen.

Die Überschrift der Seite war: Proverbia. Also irgendetwas mit Redensarten? In der Bibel? Der gewohnte Trick, aus dem Text gegriffene Wörter (Worte) in ihrem Zusammenhang zu googeln, misslang. Das Internet ist halt nicht hauptsächlich lateinisch geschrieben. Mir sind dann die Sprüche eingefallen, die Sprüche Salomons. Der alte König wird unterschiedlich geschrieben – typisch für alte Texte –, und trotzdem fand er sich mit seinen Weisheiten vielfach im Netz. Eine Site hat sich sogar die Mühe gemacht, die Bibel Satz für Satz in mehr als acht Sprachen zu vergleichen. Im Bild waren die römische Zwei, II, und weiter unten eine III als Kapiteleinteilung gut zu erkennen. Sprüche Salomons zwei oder drei, und schon war ich fündig. Vergleichen Sie selbst, etwa den Beginn von Kapitel III (Original, Text: fili mi ne obliviscaris legis meæ et præcepta mea custodiat cor tuum.)

Aus Freude habe ich dann noch diesen Fund, diese Lesart und Deutung beim Bild in die Wikipedia eingetragen, damit fortan jeder, der sich das Foto der Bibelseite ansieht, gleich weiß, worum hier inhaltlich geht. Dies hier lesen wird er wohl nicht. Dafür verschwindet so ein Eintrag selbst im Zeitalter von Suchmaschinen in der unendlichen Weite des Netzes wie ein Grashalm in der Prärie, wie ein Haar auf dem Haupt, um es biblisch zu sagen (Mt. 10,28).

Wie ging’s weiter? Monotype Imaging bot mir an: “We can design the long s (017F) for you in this font. It will take 5 working days to complete and your quote is 220 Euros.” Wirklich gemacht hat es dann mein alter Freund Lindenthal, nur fünf Minuten Arbeit, wie er schrieb, für 220 Euro-Cent, und die hat er mir gestundet. Sollten Sie das ſchon mit ſchönem, paſſendem langen ſ sehen, dann haben Sie auch ſchon eine erweiterte Old Engliſh.



July 2010. On "popular demand" I’ll try to translate this entry into English. There is so much to be said about old forms of handwriting, typesetting and orthography, in all languages, not ojust in German, that this here is but a miniature look at a minor item, the long s. Therefore this blog entry was called

In Search of the Long s

The ementary school of my youngest daughter was celebrating its 150th anniversary. A teacher had exhibited an original excercise book from 1910. It was written in a fine handwritten Kurrent, and not – as many would think – in Sütterlin, introduced only 1915 in Prussia. Kurrent looks fine and slim, is difficult to read and write, as upwards it’s slim, downwards broad, while Sütterlin, here an example, is a fat, relatively primitive handwriting with the same width all over. Kurrent, see example, was to be written slightly slanted, italic you’d say today, while Sütterlin (Suetterlin) ran straight and upright, like a well-bodied kitchen maid.

Back to Fraktur. People on PCs use Old English Text MT as fraktur, it comes with Microsoft Windows. I don’t like it. It is pompous, hard to read, lacks elegance and simlicity – but it’s there to use. Kitsch, I’d say. MT stands for Monotype, the creator.

Modern writers forget the long s as well. There used to be – also in English, also in other languages – a second small s character, to be written with minimum loss of space and time, just a straight line from top to bottom, like an f without the - in its middle. The round s was reserved as capital letter and at the end of a word, where space was easier to be found. Also: the round s, this snake s is much nicer to look at than the long s. It prevailed. (Germans have yet another s, the sharp s or ß, transliteraded into ss if necessary, e. g. Fuß = foot. Type it with Alt0223 on an ß-less Windows keyboard. It is not a Greek beta, but looks similar.)

So I started my private digital search for the long s. And it’s there, since years, as a Unicode character on hexadezimal position 017F. Many stadard fonts can show this ſ (even if the writer never would ask for it), like Arial (Helvetica) and the usual Times New Roman, look: ſ (HTML: ſ). The only type font that would really need it, the fraktur Old English Text MT, does not have it (or did not at time of writing the German blog). So I e-mailed Monotype in England. They offered me many type sets to download, € 27 each, but none had this long s. No good.

Then I consulted Wikipedia, the English version. I found a picture of a page from a rare Blackletter bible (1497) printed in Strasbourg by Johann Grüninger, full of long s’, naturally! And that was Latin. I even found my round r, another extra character of olden times. It has a similar function as the long s, it saves space vs. the regular r (see my German page on round r).

Wikipedia takes you away from your subject. Looking at the title of th page I saw: proverbia. Sayings? Yes, you read the Proverbs of Solomon. See for yourself, for example the beginning of chapter III (original, text: fili mi ne obliviscaris legis meæ et præcepta mea custodiat cor tuum.)

Back to Montoype. They offered: “We can design the long s (017F) for you in this font. It will take 5 working days to complete and your quote is 220 Euros.” Slightly disturbed I turned to my old friend Lindenthal. It took him five minutes. Now I have the long s in Old English, and if you see the following text with a fitting long ſ as well, you have it too. Microſoft does updates, ſometimes.

There have been many attempts to create fraktur typography on PCs, dating back to the times of Dos. With only a limited code space the extra characters, i. e. the long s and some ligatures, had to be placed in lieu of other characters. Some, like www.fraktur.com, used the normal s key for the more frequent long s, and placed the round s elsewhere. This makes the keyboard unusable for non-fraktur typing. One popular setup even made the pure c to a ch, as in practical German there is no c without a following h, only in foreign names, and these traditionally are spelt in "latin" writing. Others, like my friend Lindenthal on www.fraktur.de, developed special universal keyboard drivers. The largest selection used to have Helzel.

My very first page on fraktur with the official 1941 letter by Bormann, prohibiting fraktur in Germany.

See also my story of the long s (English and German).

(Direct link to this blog entry in English: http://blogabissl.blogspot.com/2008/04/style-definitions-table.html#English)

»Teilprivatisierung«. Da will ich doch zwischendurch eine virtuelle Wette machen: Die »privaten Investoren«, die in die groß koalitionsbesungenen 24,9 Prozent der Bahn (ohne Schienen und Grundstücke) »einsteigen« werden, werden sich bei näherer Betrachtung als Landesbanken, Sparkassen und generell vom deutschen Staat und seinem Wohlwollen abhängige Institutionen herausstellen. Oder wird in der freien Wirtschaft mit dem Klammerbeutel gepudert?

27. April 2008

Soft-Gott, Wellness-Himmel. Reden wir über Kirche. Weil es Sonntag ist. Ich erlebe ein Wochenende voller Ereignisse, voller modernem Leben, spiritual High-Life sozusagen. Verwandte kommen zur Konfirmation von Schwägerin Ann-Kristin, Tochter Carlas Schule feiert ihr 150-jähriges Bestehen und weiht einen Nachmittags-Spielplatz ein, man trifft Kinder, Eltern und Lehrer. ›Man‹ geht zum Auftakt sogar in die Kirche – ich komme noch drauf.

Schon am Freitag nach der OGS (›Offene Ganztagsschule‹, euphemistisch für Nachmittagsbetreuung) hatte ich mich mit Carla und einer ihrer Freundinnen zur Begrüßung der Ehemaligen in der Kreuzkirche frech dazugesetzt, und so ein überraschendes, wunderschönes kleines Konzert erlebt, Hausmusik, siehe http://picasaweb.google.de/Fritz.Joern/Schulkonzert150Jahre.

Am Samstag sollte dann um halb elf das eigentliche schulische 150-Jahr-Fest mit einem ökumenischen Gottesdienst ebendort auftakten. Bloß: Es kam fast keiner! Da saßen in der großen Bonner Kreuzkirche vielleicht siebzig, achtzig Leute, und das von einer Schule mit 215 Kindern. Das Lehrerkollegium war mit vier Lehrerinnen und dem Chef vertreten. Selbst die kirchlichen Ereignisträger waren eher absent. Glücklicherwiese hat unser Schulleiter einen emeritierten Bischof zum Vater, der kam und ordinierte mit, gab eine schöne Predigt samt klassischen Zitaten. Der protestantische Pfarrer, Hausherr, leitete die Sache. Katholischerseits war eine schlicht weißgewandete Priesterin gekommen – ich nenne sie einmal so, gewiss war sie etwas anderes. Sie überbrachte Grußworte – von wem eigentlich? Katholische Familienseelsorge gibt es in der Bonner Innenstadt nicht mehr.

Am Nachmittag dann weitere Festreden in der zugehörigen Sporthalle. Alles recht erbaulich, musikalisch, aufgeräumt in Stimmung und mit Ballons. Lernen kann man nur mit Freude, die Montessori-Pädagogik soll ausgebaut werden, Erfolg spielerisch. Die abschließende Spielplatzeinweihung war ein fröhliches, kindliches Durchschneiden eines Bandes bei Freisekt und wunderschön aufsteigenden Luftballons. Eine Einweihung, wie man das als Alter kennt, war es nicht. Von der ganzen ›Weihe‹ ist nur der Begriff übrig geblieben.

Und es gab noch mehr Schönes, eine kindliche Vorführung früherer Schulzeiten, eine reichhaltige Tombola, gute Gespräche und dazu eine Ausstellung alter Erinnerungen und Utensilien. Hier ein Muster aus einer Klassenarbeit vom 1. 12. 1910: »Die Bedeutung des Pfarrers für den Gang der Handlung in Hermann und Dorothea«. Fleiß, Fleiß, Fleiß! Doch zurück zum Heute.

Wir leben in einer weltlichen Welt. Für mich ist das – so verkehrt es einem Heutigen erscheinen mag – eine verkehrte Welt, eine irreale Welt. Die Menschen werden doch von ihrem Inneren bewegt, nicht von Autos, nicht von Geld, nicht ›wirklich‹. Und in ihrem Inneren ist Gott, oder eben nicht. Zu dieser inneren Irrealität durch den Verlust von Gott kommt außen der Realitätsverlust bezogen auf eine gewandelten Welt. Da machen wir es uns zu bequem. Selbst die Kirche verlangt nichts mehr von uns. Gott ist ja so lieb und nett, er hört uns, tröstet uns, ist immer dabei, umgibt uns mit himmlischer Wellness, der Softy. Man bräuchte nur einmal das Glaubensbekenntnis zu sprechen und innezuhalten beim Gott, der »kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten.« »Von dannen er kommen wird« – ich habs noch so in Erinnerung. Das Leben ist ein ernste Sache. Sie wird beurteilt. Moral ist nicht optimales Durchwursteln, Nettsein, bloßer Kantscher Imperativ. Hier auf Erden ist Moral unsere einzige Hoffnung gegen das Chaos (und nicht nur bessere Flughafenscanner und biometrische Pässe), in der kommenden Welt ist Moral der Unterschied zwischen Himmel und Hölle – oder was glauben wir denn?

Ich mag es nicht, dieses Larifari-Christentum, das mühsam alte Formhülsen aufrechterhält, soft bis zur Verlogenheit. Es verlangt nichts von den Menschen. Die Folge: Die Menschen bleiben einfach weg. (Da sollten wir uns ein Beispiel an den Koranschulen nehmen …)

Genug. Zorn verengt nur den Blick. Ann-Kristins Konfirmation heute war schön, war feierlich, fast tausend Leute in der Kirche am Kottenforst, 26 Konfirmanden bei dieser zweiten Tranche von insgesamt 48 heuer. Jedes Lied hörte sich an wie ein melodiöses Raunen der Menge, griff mir ans Herz. Zum Gleichnis über das Senfkorn schenkte der Pfarrer den Konfirmierten ein schönes kleines Kreuz mit drei Senfkörnern und zuletzt – eine Tube Löwensenf, scharf.

26. April 2008

Talkshow. Sonst gucke ich nie fern, oder fast nie. Unsere Fernsehgebühr ist hinausgeschmissenes Geld. Ich höre höchstens frühmorgens beim Wäschesortieren zu Webcam-Bergen bayrische Blasmusik, ja, und sehe einmal jährlich mit Carla das Neujahrskonzert aus Wien. Österreicher. Alter Österreicher.

Gestern, 25. 4. 8, habe ich im WDR beim »Kölner Treff« von Bettina Böttinger ›vorbeigeschaut‹. Meine alte Schulfreundin (Liebe) saß im Publikum, hatte mich rechtzeitig drauf aufmerksam gemacht. Außerdem schätze ich ihre Frau Mama, Gisela Trowe, seit ein paar gemeinsamen Frühstücken vor fünfzig Jahren in Dahlem. Und sie hat denn auch dem »Treff« den einzigen dichten Augenblick beigesteuert. Sie sprach über die Freunde, die vor ihr gestorben sind, die ihr fehlen. Von denen sie träumt. Sie und vielleicht noch die junge Schauspielerin Bernadette Heerwagen zeigten sich ein wenig, konnten sich zeigen. Ich habe das (nur) so erlebt; vielleicht sahen andere mehr. Ich finde: Die ganze Veranstaltung ist ein Hineingeschmecke in fremde Leben, ein bisschen ›kosten Sie mal von diesem Schicksal, wie gefällt es Ihnen?‹. Mir schmeckt das nicht. Ich fand’s eher eklig. Prompt ging selbst die direkte Frage an Frau Trowe, ob sie an den Tod denke, ins Leere. Fast Food. Als ob Schicksale im halben Dutzend billiger zu haben wären. Zwecks Dramatisierung wurden noch Lebenshighlights eingeblendet, Schriftzüge unter den lebenden Figuren, Schlagzeilen. Dabei war die Moderatorin ausgezeichnet, leitete über und hinüber, ließ sich nicht durcheinanderbringen, verteilte unaufdringlich die Zeit auf die Protagonisten, bedankte sich artig, hatte die Show im Griff. Nur: Müssen Schicksale so ausverkauft werden? Man hatte ganz besondere Menschen eingeladen, werbewirksam, gleich sechs, angefangen von einem, der sich – laut Einblendung – vergeblich hatte totsaufen wollen und Verrückteres, über Dirk Bach, hier eher ein Product Placement seiner selbst als gescheiter Mensch, bis zu besagter Gisela Trowe, die auf ein reiches Leben zurückblickt, dessen Fülle, dessen Tiefe (zwischendurch war sie im Bus durch die Teilrepublik getingelt), deren ganzes Sein so sympathisch, so heimelig, so unverbindlich-unverbunden anzusehen war, dass man das dann alles gleich wieder schnell vergaß. Weniger Leute wären mehr Mensch gewesen.